01.12.22
Abriss war gestern? Fachleute diskutieren über eine klimagerechte Bauwende und das Um- und Weiterbauen im Bestand
Quelle: Dialogforum der Kirchen in der Region Stuttgart
Bereits zum siebten Mal luden die Evangelische Akademie Bad Boll und das Dialogforum der Kirchen in der Region Stuttgart zu diesem Veranstaltungsformat ein, mit dem kirchliche Institutionen die Internationale Bauausstellung IBA´27 Stadtregion Stuttgart begleiten.
Ca. 60 Interessierte aus den Bereichen Architektur und Stadtplanung, aus den Kommunen der Region Stuttgart und aus den beiden großen Kirchen hatten sich zusammengefunden, um neue Impulse für den Umbau im Bestand zu erhalten und zu diskutieren, wie Umbau und Weiterbau im Bestand nachhaltig umgesetzt werden kann.
„Alt kann durchaus besser sein als neu“, so begann Prof. Markus Müller, Abteilungsleiter im Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen, sein Grusswort. Er bezog sich auf Bauten aus dem 19. Jahrhundert, die mit ihrer Raumhöhe, dem low tech-Einsatz und hohen Fenstern im besten Sinne nachhaltig seien. Diese Erkenntnis sei auch in den Strategiedialog des Ministeriums eingeflossen, versicherte er.
Dr. Kerstin Renz, Studienleiterin für Stadtentwicklung und Wohnen an der Evangelischen Akademie Bad Boll, verwies in ihrem einführenden Plädoyer auf die Dringlichkeit einer Bauwende und laufende Initiativen einer jungen Planergeneration, die den Abriss unter Genehmigungsvorbehalt stellen und Weiterbauen statt Neubauen als zukunftsfeste Lösung favorisieren. Die „Ethik des Genug“ müsse angesichts der CO2-Bilanz und der Müllproblematik auch im Bauwesen ankommen, so Renz.
Liza Heilmeyer, Architektin und BDA-Landesvorsitzende sprach sich in ihrem Referat für ein Planen und Bauen aus, das klimagerecht, nachhaltig und kreislauffähig ist. Zukunft braucht Herkunft, Herkunft braucht Zukunft, so ihr Credo. Die Kreislaufwirtschaft im Bauen sei alternativlos, es gelte, das verbaute Material ressourcenschonend neu wieder einzusetzen.
Dr. Karin Berkemann, Theologin und Bauhistorikerin aus Greifswald, begründete ihren Zugang zum Thema biblisch: Dass der Mensch baue, sei eigentlich eine Anmaßung. Gott sei der eigentliche Architekt. Dennoch müsse der Mensch bauen, um auf dieser Erde leben zu können und diese Spannung gelte es seit jeher auszutarieren.
Konkret wurde es mit der Vorstellung des Krankenhausareals in Sindelfingen. Hier soll unter Einbezug der ehemaligen Krankenhaus- und Assistenzgebäude ein Wohnquartier entstehen. Das Gelände, die Lage oberhalb von Sindelfingen und der Bestand bieten viel Potential dafür. Jeanette Schuster, Architektin und Projektleiterin bei der IBA´27 StadtRegion Stuttgart, erläuterte warum dieses Vorhaben für die IBA von hoher Bedeutung ist. Barbara Brakenhoff, Architektin und für die Stadt Sindelfingen für das Projekt zuständig, erklärte anschaulich , wie die Stadtgesellschaft in die Umwandlung des Krankenhausareals eingebunden wird und zeigte, warum Transformationen des Bestands als gesellschaftliche Prozesse zu begreifen sind.
Wie ein Parkhaus zu einem Gebäude für die produktive Stadt umgewandelt werden kann und welche Schwierigkeiten dabei zu meistern sind, davon berichtete Philippa Dorow, Architektin und ehrenamtliche Vorständin der Genossenschaft Gröninger Hof aus Hamburg. Das Parkhaus in zentraler Lage Hamburgs ist eine typische städtebauliche Situation der autogerechten Stadt. Aufgrund von statischen Problemlagen, die den Erhalt des gesamten Gebäudes nicht erlauben, arbeite man derzeit an alternativen konstruktiven Lösungen.
Stefan Forster, Architekt aus Frankfurt/Main, zeigte eine Reihe von Weiterbau- und Umbauprojekten aus dem Raum Frankfurt. Bekannt geworden ist das vielfach preisgekrönte Büro mit dem Umbau ehemaliger DDR-Plattenbau-Siedlungen. Auch die Umwandlung von Bürogebäuden in Wohnhäuser – eine planungsrechtlich komplexe Aufgabe – sei machbar, wenn alle Beteiligten an einem Strang zögen, so Forster.
In der abschließenden Diskussionsrunde „Agora“ betonte Dr. Bernd Langner, Geschäftsführer des Schwäbischen Heimatbunds, wie wichtig die Identität von Quartieren und auch Gebäuden für die Menschen vor Ort sei. Intensiv zu überlegen, wie alte und nicht mehr nützliche Gebäude umgewidmet werden könnten, sei deshalb ein wichtiger Beitrag zur Identitätserhaltung einzelner Orte.
Die Reihe „Impulse für die IBA“ wird am 15. März 2023 mit einer Veranstaltung in Stuttgart fortgesetzt.
